FIGUREN & GESCHICHTEN

Früh am Tag

Eine ganze gute Weile ist das Urvieh nun schon auf dem Kinderbauernhof zu Haus. Es gefällt ihm hier gut. Als Untermieter im Haus der Meerschweinchen hat es, wenn es denn will, seine absolute Ruhe. Meerschweinchen sind nicht sehr gesprächig, weder zänkisch noch allzu vertraulich. Und da sie wissen, das Urvieh will alles nur nach seinem Willen tun, scheren sie sich nicht weiter darum. Ihretwegen kann ihr Untermieter tun und lassen, was er will. Und da er außerhalb ihrer Behausung immer irgend etwas zum Grummeln und Meckern findet, kommen sie ganz wunderbar miteinander aus. Grummeln, nörgeln und meckern tut es noch immer am liebsten bei seinem Freund dem Ziegenbock „Fritz von Meckernicht“. Da latscht es hin. Aber nicht alles läuft immer so, wie er es gerne hätte. Schon von Anfang an nervt ihn der Hahn Caruso. Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, in aller Frühe, reißt ihn dieser Bursche mit einem unverschämt lauten „Kikeriki“ aus dem besten Schlaf. Warum kräht ein Hahn so früh am Tag? Das weiß keiner so genau. Auf jeden Fall steht fest: Auf jedem richtigen Bauernhof gibt es Hühner. Und wo es Hühner gibt, gibt es auch einen Hahn. Und alle Bewohner des Bauernhofes werden frühmorgens, ob sie nun wollen oder nicht, mit einem lauten „Kikeriki“ von ihm geweckt. Was sicher heißen soll: „Kräht der Hahn früh am Tag – kräht laut und kräht weit. Guten Morgen ihr Freunde, Zeit zum Aufstehen!“ Nun gut, nicht alle richten sich danach. Manch einer dreht sich um und sagt: „Lass ihn krähen, der kräht so früh, da hab ich noch 'ne Stunde Zeit.“ Die faulen Schweine zum Beispiel; sie wälzen sich gemächlich auf die andere Seite, grunzen genüsslich und fragen sich: „Was gehen den Hahn die Schweine an?“ Die Katzen, die die ganze Nacht in Feld und Flur, in Stall und Stroh auf Mäusefang waren, sagen sich: „Kräht der Hahn, wird's Zeit für uns, die Nacht zu beenden.“ Sie suchen sich ein ruhiges Plätzchen zum Schlafen und lassen sich nicht weiter stören. Unser Urvieh aber bringt das nicht. Am liebsten würde es an jedem neuen Morgen dem Hahn den Hals umdrehen. Das aber ginge ja nun wirklich zu weit. So etwas tut auch ein Urvieh nicht. Also muss es sich damit begnügen diesem, seiner Meinung nach eitlen Gockel, der seine Funktion als Frühaufsteher so tierisch ernst nimmt, von Zeit zu Zeit den Marsch zu blasen. Das aber geht, zu seinem großen Ärger, dem Hahn doch glatt am Schwanz vorbei. Er, der Boss im Hühnerhof, wird sich doch nicht von einem so alten Urvieh Zeit und Stunde bestimmen oder gar das Krähen verbieten lassen! Das wäre ja noch schöner. Das kann er sich als Hahn nun wirklich nicht leisten! Er wäre bei seinen Hennen unten durch. Und sie sind nun mal sein ein und alles. Nur für sie ist er da, um sie sorgt er sich den lieben, langen Tag. Und hat dabei wirklich seine liebe Last. Auf einem Hühnerhof herrscht Gemeinschaftssinn. Ein Hahn für alle Hennen. Und alle Hennen für einen Hahn. Denn wenn unter dem Hühnervolk Ordnung, Ruh und Frieden herrschen soll, hat immer nur ein Hahn das Sagen. Da duldet er auch keinen neben sich. Und sollte es doch mal einer wagen – er würde ihm das Leben zur Hölle machen, sich mutig und ohne zu zögern in einen Hahnenkampf stürzen, mit dem Wissen, er muss der Sieger sein. Sonst würde er seine Hühnerschar ein für allemal verlieren. Keine seiner Damen würde ihn auch nur eines Blickes würdigen oder ihm gar ein Rendezvous in einer verschwiegenen Ecke des Hofes gewähren. Aber die Hennen auf dem Kinderbauernhof wissen ihren Hahn zu schätzen. Er gefällt ihnen in seinem bunt schillernden Federkleid. Und mit seiner Schönheit in Gestalt ist er ihr Liebling. Die, die am liebsten nur im Sand scharren, nach Würmern suchen und Körner picken, wissen: Er kümmert sich um sie. Er ist da für sie, vom Morgen bis zum Abend, den lieben, langen Tag lang. Würdevoll schreitet er vor ihnen auf und ab und schüttelt hoheitsvoll sein buntes Gefieder, lässt ab und an und hin und wieder sein helles „Kikeriki“ erschallen. Er kratzt auch mal für seine Lieblingshenne einen fetten Regenwurm aus dem Boden und legt ihn ihr ganz feierlich vor den Schnabel. Er hält Ausschau nach eventuellen Feinden, am Boden und aus der Luft. Er hilft als treusorgender Familienvater jeder Henne (den Müttern seiner zukünftigen Kinder) bei der Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Er scharrt für die Henne an einer Stelle, die er für passend hält, als Nest eine Mulde. Ist die zukünftige Mama mit seiner Wahl einmal nicht einverstanden, wird er solange weiter suchen, bis sie zufrieden ist. Dann ist aber auch Schluss mit seiner Vaterrolle. Für das Wohl und Werden der zu erwartenden Kinderchen zeigt er kein Interesse mehr. Dass das die Hennen auch nicht von ihm erwarten, ist sein Glück. Wie sollte er denn auch bei all seinen Pflichten, sich noch um jedes Küken kümmern können? Also, man sieht, dass so ein Hahn für Müßiggang und Langeweile wirklich keine Zeit hat. Der Tag des Hahnes kann gar nicht früh genug beginnen.

Unser Hahn Caruso liebt all seine Hennen, auch wenn sie sich darauf verstehen, ihn hin und wieder ein wenig auszutricksen. Einfach so, um ihn kurz mal auf die Probe zu stellen. Oder auch, weil ihnen sein gockelhahniges Benehmen mal über den Kamm steigt. Da täuschen sie ihm schon mal einen großartigen Futterfund vor. Oder sie flüchten laut gackernd und ängstlich mit den Flügel schlagend vor einem Feind aus der Luft, der gar nicht vorhanden ist. Dann scheuchen sie ihn so lange hin und her, bis der endlich die Sache durchschaut und seinem Hühnerhaufen erst mal für einige Zeit den Rücken kehrt. Das ist ein großer Spaß für die Hennen. Den gönnen sie sich hin und wieder, um sich dann gemächlich zu einem Sandbad zurück zu ziehen, sich ihr Gefieder zu putzen und danach ein ungestörtes Nickerchen in der Sonne zu genießen. Genauso soll es sein. Mit ihrem Leben auf dem Kinderbauernhof sind sie restlos zufrieden. Aber wehe, wenn der Hahn sich erholt hat, sich auf seine Rolle als Herr des Hofes besinnt und nun seine kleinen Gemeinheiten an ihnen auslässt. Erst scharrt er ein wenig gelangweilt im Misthaufen herum. Dann plötzlich kräht er lauthals los; soll heißen: „He! Leute! Kommt! Prima Futter gibt es hier!“ Und siehe da, es klappt. Sie kommen alle herbei gerannt. Dass er ihnen gar nichts zu bieten hat, merken sie nicht sofort. Seine Hühnerchen umgackern ihn in alter Weise und er hat erreicht, was er wollte. Nun ist er wieder ganz ihr Boss, ihr einziger, ihr stolzer Hahn. Aber wie schon gesagt, diese Hennen sind nicht „ohne“. Ordnung herrscht bei ihnen auch ohne Hahn. Und jedes Huhn muss sich seinen Platz in der Gemeinschaft selbst erkämpfen. Und dabei geht es nicht immer fein zu. Sie hacken mit den Schnäbeln aufeinander ein. Das Huhn, das dabei am geschicktesten und am ausdauerndsten ist, wird die „Oberhenne“. Damit ist dann aber auch alles geklärt. Sie, die Oberhenne darf zuerst fressen, zuerst trinken und sich den besten Nistplatz aussuchen. Und darüber wird auch niemals mehr gegackert. Nein, man duldet sich. Und kommt man sich doch irgendwie ins Gehege, dann schwingt das Unterhuhn nur mehrmals matt die Flügel und gibt der hohen Dame völlig gelassen den Vortritt. Hackordnung heißt dies, in der Sprache der Hühner und die machen die Hennen ganz unter sich aus. Das geht den Hahn nichts an. Auch wenn es um die Verteidigung ihrer Küken geht, darf er sich nicht einmischen. Da ist Mutter Glucke uneingeschränkt die Herrscherin. Vater Hahn würde es nicht wagen, den Küken auch nur ein Körnchen weg zu picken. Denn für ihren aufgeregt tippelnden und piepsenden Nachwuchs prügelt sich die Glucke mit Katze, Hund und Gänserich. Und wenn es sein muss auch mit dem Hahn.

Die goldgelben, kleinen Federbällchen, die wir ja heute nur noch von Postkarten und von Fernsehbildern – besonders zur Osterzeit – zu sehen bekommen, schlüpfen aus den Eiern, nachdem das brave Huhn drei lange Wochen im Nest gesessen und sie gewärmt hat. Die Glucke lässt ihre Kinderchen nicht eine Minute aus den Augen. Sie führt die kleine Schar. Sie ruft und lockt sie ohne Pause. Und sie folgen ihr alle auf dem Fuße nach. Bleibt wirklich mal eines zurück, dann merkt sie es sofort. Sie ruft es mit einem ganz bestimmten Ton und dann sieht man es rennen, das kleine Hühnchen, welches dann froh ist, wenn es die Familie wieder erreicht hat. Gibt es einen Regenguss oder droht gar Gefahr vom Habicht aus der Luft, von der Katze oder dem Hund, nimmt sie sie allesamt, egal wie viele es sind, unter ihre Fittiche. Unter ihrem dichten Federkleid sind sie sicher, warm und trocken.

Ja, so eine Glucke ist eine sehr fürsorgliche, vorbildliche, allein erziehende Mutter. „Das brave Huhn“ sagten die Menschen schon vor mehr als tausend Jahren. Und holten es sich als wildes Huhn in Haus und auf den Hof, gaben ihm Futter und einen Stall, zum Unterschlupf für die Nacht. Flogen die wilden Hühner vorher zum Schutz in die Bäume, so sitzen sie heute gemütlich und gemeinsam mit ihrem Hahn, friedlich schlafend, im Hühnerstall auf der Stange. So zufrieden und sicher leben die Hühner von heute aber nur noch auf einem richtigen Bauernhof. Vier bis fünf Eier legt das brave Huhn in einer Woche. Wir Menschen aber schätzen nicht nur die Eier, auch das Hühnerfleisch; gegrillt, gebraten oder gekocht in der Suppe ist´s lecker und sehr beliebt. So beliebt, dass Hühner heute in riesig großen Hallen zu tausenden gehalten werden. Ohne Sonne, ohne Erdboden zum Scharren und Würmer suchen, ohne ihren Hahn, ohne ihre Küken. Zum Eier legen, als Suppenhuhn oder als Grillhähnchen werden sie für uns gehalten.

Das weiß inzwischen auch das Urvieh und wird daran nichts ändern. Aber wenn es auch nörgelt, meckert und sich beim Hahn darüber beschwert, dass der ihn immer wieder und schon vor dem Morgengrauen aus dem tiefsten Schlaf kräht, so gönnt es doch den Hühnern und dem Hahn das sorgenfreie glückliche Leben auf dem Kinderbauernhof.

Und wenn das Urvieh ganz gut drauf ist, klopft es für ihn auch mal einen seiner flotten Sprüche: „Der Tag würde kommen – auch wenn der Hahn nicht kräht. Aber: Ein guter Tag beginnt nun mal am frühen Morgen.“