
FIGUREN & GESCHICHTEN
Die kleine Raupe
Er steht jedes Jahr am Zaun der kleinen Pferdekoppel auf dem Kinderbauernhof, stolz und breit, ohne aufzufallen oder irgend jemanden zu stören. Ein Beifußstrauch. Unbeachtet tankt er Sonne, frische Luft und Regen. Er wächst einen ganzen Sommer lang still vor sich hin. Beifußsträucher finden nur dann Beachtung, wenn ihre Zweige geerntet und getrocknet in einer Küche landen und dann im Winter (besonders zur Weihnachtszeit) dem fetten Gänse- oder Schweinebraten zum richtigen Geschmack verhelfen.
Aber diesem Beifußstrauch, am Rande der kleinen Pferdekoppel auf dem Kinderbauernhof, schenkt niemand seine Aufmerksamkeit. Und niemand holt seine Zweige in die Küche. Die Kinder, die hier täglich zu Besuch kommen, haben nur Augen für die Ponys auf der Koppel. Sie bringen ihnen altes Brot und Äpfel und freuen sich, dass die Pferdchen so zutraulich sind. Sie fressen ihnen alles ganz vorsichtig aus den Händen und lassen sich auch gern streicheln. Aber eine noch größere Freude ist es, wenn sie sie von Zeit zu Zeit auch mal durchs Dorf führen können oder hin und wieder sogar auf ihnen reiten dürfen. Da scherte sich um den Beifußstrauch wirklich niemand. Ihm ist das Recht, denn nur so kann er Jahr für Jahr wachsen, groß und stark werden und seine kleinen Geheimnisse ganz für sich behalten. Geheimnisse, denen nur auf die Spur kommt, der ihm doch irgendwann einmal seine Aufmerksamkeit schenkt. Ihn und seine Zweige ganz genau betrachtet. Das immer neugierige Urvieh auf seinen Streifzügen über den Bauernhof hat das getan. Und da sieht es doch auf einmal in dem Strauch, auf einem seiner Zweige, eine winzig kleine, orange-gelb-schwarze Raupe. Diese kleine Raupe, glücklich und zufrieden, wurde hier geboren. Der Beifußstrauch ist ihr Zuhause. Da guckt sie weder nach rechts, noch nach links – und schon gar nicht nach dem Urvieh. Nein, sie widmet sich ganz und gar ihrer Lieblingsbeschäftigung: Sie frisst und frisst und frisst, unentwegt und mit allergrößtem Appetit. So eine richtige kleine Fressmaschine hat selbst unser altes Urvieh noch nicht zu Gesicht bekommen. Und weil es vor Staunen und sich Wundern ausnahmsweise auch mal sein großes Maul ganz stille hielt, erzählte ihm der Beifußstrauch folgende Geschichte:
Es lebte einmal in seinen Zweigen eine ebenso kleine, orange-gelb-schwarze Raupe, bei der man auch ganz genau hinschauen musste, um sie zu entdecken. Die aber vielleicht noch ein ganz klein wenig glücklicher war als die, die unser Urvieh heute kennenlernen durfte. Dachte sie doch, sie sei die allerschönste Raupe der ganzen Welt. Hingen im Morgensonnenschein die Tautropfen im Strauch, drehte und wendete sie sich und betrachtete immer wieder voll Entzücken ihr eigenes Spiegelbild. Flog eine der flinken Goldwespen oder eine der herrlich blauen Libellen vorbei, rief sie ihnen voller Selbstbegeisterung zu: „Seht doch, seht mich an! Ich bin so schön! Ich bin einfach wunderschön! Ich bin die schönste Raupe auf der ganzen Welt.“ Doch sie flogen alle immer wieder vorbei. Niemand sah die kleine Raupe in ihrem Beifußstrauch. Es machte ihr nichts aus. Sie war auch so ganz und gar mit sich zufrieden. Bis eines Tages, ganz in ihrer Nähe, doch eine der Goldwespen sitzen blieb. Und während die sich mit großem Eifer ihre Flügel und Fühler putzte, sah sie die kleine Raupe. Sie hörte das Loblied, das sie wieder einmal aus Freude über sich selbst zum Besten gab. Und so sprach die Wespe zur Raupe:
„Schön bist du. Wunderschön sogar. Und du siehst genauso aus, wie eine Raupe auszusehen hat, die in einem Beifußstrauch zu Hause ist. Aber musst du deshalb so ein Geschrei machen? Das ist doch nichts Besonderes. Denn wenn ich mich hier etwas genauer umschaue, sehe ich doch, außer dir, noch eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Raupen, und sogar noch mehr. Und sie sehen alle genauso aus wie du. Nur, so scheint es mir, schauen sie nicht dauernd in ihr Spiegelbild. Sie haben keine Zeit. Sie fressen, fressen, fressen..., so wie sich's für kleine Raupen gehört. Das solltest du auch tun. Nur dann kann aus dir was werden. Und vielleicht sogar was ganz Besonderes. Nur die Allerschönste bist du hier nicht.“
So sprach die Goldwespe und schwirrte davon. Die Sonne schien in den Beifußstrauch. Die Vögel, vor denen eine kleine Raupe sich wirklich sehr in Acht nehmen muss, sangen ihre Lieder. Jeder das seine. Die Katze schlich durch das hohe Gras. Ameisen liefen in langer Reihe eilig ihren Weg von hier nach dort. Und von dort nach hier. Und eine kleine Feldmaus lugte vorwitzig aus ihrem Mauseloch. Alles war so wie gestern und vorgestern auch. Nur die kleine Raupe sah alles so richtig zum ersten Mal und schaute rundum und staunte, was da so alles, außer ihrem eigenen Spiegelbild noch zu sehen war. Sie erblickte plötzlich ihr Spiegelbild: orange-gelb-schwarz, mit zwei aufmerksamen, blanken Augen. Ich bin doch schön, dachte sie. Wunderschön sogar. Und ich bin ganz bestimmt die allerschönste Raupe auf der ganzen Welt. Doch wie sie so guckte, da richtete ihr Spiegelbild sich auf. Kerzengerade stand vor ihr eine ihrer vielen Schwestern: orange-gelb-schwarz mit blanken Augen. Und nun sah sie auch, was ihr die Goldwespe schon erzählt hatte. In den Zweigen rechts und links von ihr, über ihr und unter ihr, saßen viele kleine Raupen und alle waren genauso schön wie sie. Nie hätte sie das für möglich gehalten. Auf einmal wurde sie traurig. Todtraurig sogar. Und wenn kleine Raupen weinen könnten, hätte sie jetzt bestimmt geweint. So aber hatte sie nur den Wunsch, sich zu verstecken. Wo aber sollte sie sich verstecken? Der ganze Strauch war doch mit ihresgleichen voll besetzt. Klein war sie und eitel. Dumm war sie nicht. Und so zog sie aus ihrem Leib einen langen, langen Faden, den wickelte sie viele, viele Male immer wieder um sich herum. Solange, bis von ihrem schönen Aussehen nichts mehr zu sehen war. Grau und unscheinbar hing sie dann kopfüber im Strauch. Traurig schlief sie ein. Und wer sie vorher schon übersehen hatte, sah sie nun gleich gar nicht mehr. Wie ein welkes, altes Blatt schaukelte sie im Wind. Viele, viele Tage vergingen, bis sie endlich wieder erwachte. Stockdunkel war es um sie herum. Überall drückte, zwackte und kniff es sie. Alles schien zu kurz und zu klein. Raus wollte sie, nur noch raus. Doch nur nach langen Mühen, mit recken und strecken, mit drehen und wenden, schaffte sie es, wieder ans Tageslicht zu kommen. Nun saß sie, völlig geschafft und ganz außer Puste, wieder auf ihrem Beifußstrauch, am Rande der kleinen Pferdekoppel auf dem Kinderbauernhof. Es war ein wunderschöner Tag, voller Licht und Luft und Wärme. Sie fühlte sich ganz sonderbar. So, als sei sie neu geboren. Sie hatte den Wunsch, sich auszubreiten. Sie breitete sich aus und wusste nicht, wie ihr geschah. Sie konnte fliegen. Und sie flog! Voll Lebenslust und Freude heraus aus ihrem Beifußstrauch, hinein in den blauen Himmel und hinaus auf eine bunte Sommerwiese. Denn aus der orange-gelb-schwarzen kleinen Raupe war ein schmuckes Schmetterlıngsfräulein geworden Das, als es endlich Gelegenheit hatte, am Rande einer großen Sommerpfütze sein Spiegelbild betrachtete, genauso mit sich zufrieden war, wie als kleine Raupe vorher. Glücklich war sie. Und im Flug über die Sommerwiese jubelte sie so laut, wie sie nur konnte:
„Seht nur seht, ich kann fliegen! Ich bin schön! Ich bin ein wunderschöner Schmetterling!“ Und niemand war da, der ihr widersprochen hätte. Nicht die herrlich blau schillernden Libellen, auch nicht die schmucken Goldwespen. Selbst der Katze, die wieder durch das hohe Gras schlich, schien dieser fröhlich ausgelassen, durch die Luft torkelnde Schmetterling zu gefallen. Sie hätte wohl gern ein Weilchen Fangen mit ihm gespielt. Da aber hatte das Schmetterlingsfräulein, sicher mit Recht, Angst um seine zarten Flügel. Aber den bunten Blumen auf der Wiese, die ihm seine Blütenkelche entgegen streckten und es einluden, bei ihnen Rast zu machen, denen konnte es nicht widerstehen. So flog es von Blüte zu Blüte, ließ sich mit Morgentau und Honignektar verwöhnen, nahm aber als Dank dafür immer ein wenig Blütenstaub mit auf den Weg. Das nämlich ist ein wichtiger Botendienst, den alle Schmetterlinge gern erfüllen. Dass sie dabei auch auf der Suche nach einer passenden Braut oder dem richtigen Bräutigam sind, versteht sich von selbst. Natürlich, auch für Schmetterlinge ist das Hochzeitmachen Herzenssache und ganz wunderschön. Das war auch die nächste, große Überraschung für unser Schmetterlingsfräulein, dass es nach einem seiner glücklichen Ausflüge auf die Sommerwiese, in seinem heimatlichen Beifußstrauch schon sehnsüchtig von einem Schmetterlingsmännchen erwartet wurde. Dass Braut und Bräutigam sich zum Verwechseln ähnlich sahen, störte die beiden nicht einen einzigen Augenblick. Er fand sie zauberhaft und sie ihn einfach einzigartig. Die Hochzeit wurde gefeiert. Das Schmetterlingsfräulein wurde Frau Beifußmönch. Und man kann sicher sein, dass auch im nächsten Frühling der Beifußstrauch am Zaun der kleinen Pferdekoppel, auf dem Kinderbauernhof, von vielen kleinen, orange-gelb-schwarzen Raupen bewohnt wird. Wieder wird eine so schön wie die anderen sein. Wieder werden sie sich am Ende als Schmetterlinge mit dem Namen Beifußmönch in die Luft erheben. Sie werden von Blüte zu Blüte taumeln, glücklich sein und sich des Lebens freuen.
Das war sie, die Geschichte, die der Beifußstrauch dem alten Urvieh zu erzählen hatte. Da es ihm, von Anfang bis zum Ende sehr aufmerksam zugehört hatte, war es ihm gar nicht aufgefallen, dass die kleine Raupenfressmaschine plötzlich nicht mehr da war. Das tat ihm leid. Gar zu gerne hätte er sie sich nun doch noch etwas genauer betrachtet. Er suchte sie mıt den Augen, konnte sie aber, trotz größter Aufmerksamkeit, nicht entdecken. Möglich, dass sie ihn sah. Im dichten Laub versteckt darauf wartend, dass er sie sitzen und in Ruhe weiter fressen ließ. Was blieb dem Urvieh übrig? Es trollte sich. Denn noch so eine Geschichte, wie die der orange-gelb-schwarzen Raupe, die glaubte die schönste Raupe der Welt zu sein, hatte der Beifußstrauch sicher nicht zu bieten.
