

Ein Urvieh im Fernsehen
Ja, wirklich und wahrhaftig – unglaublich, eine Idee, wie sie vorher noch in keinem Buche stand. Sensationell! Eine Versuchsrakete, dieses Urvieh in Gestalt mit großem, frechen Maul den fernsehsüchtigen Zuschauern vor die Nase zu setzen und abzuwarten, was daraus wird, wenn es als Ansager im Vorabendprogramm die polnischen, tschechischen, ungarischen, rumänischen und russischen Serien als alte Kamellen anpreist, damit die Zuschauer – auf die Minute genau – das 2. Programm des Fernsehens der DDR einschalten?
Es hat geklappt: vom ersten bis zum letzten Auftritt war es ein voller Erfolg. Nicht nur das Urvieh konnte stolz die Lorbeeren ernten. Auch seine Eltern, Mutter Inge Trisch und der – schon als Sandmann-Vater bekannte Puppenmacher – Gerhard Behrend, haben sich lange an wohlwollendem Lob erfreuen dürfen und sich nie durch immer wiederkehrende Kritik an seinem großen frechen Maul aus der Ruhe bringen lassen. Das Urvieh, so wie es war, konnte bleiben, obwohl es sich so manches Mal so einiges mit den Zuschauern erlaubte.
Man ließ es meckern, sich aufregen, nörgeln über dies und das; einfach über alles, was ihm, aus welchem Grund auch immer, nicht passte: Wie über das, ihm auf dem Fuße folgende, Fernsehprogramm. Und es durfte auch als notorischer Besserwisser seine mehr oder weniger gut gemeinten Verhaltensregeln an den Mann bringen. Niemand hat dem Urvieh das Maul verboten, darüber könnte man sich noch heute wundern.
„Na gut, ich weiß schon, wirklich ernst genommen hat meine klugen Reden, meine Ratschläge, meine uralten Weisheiten keiner so recht – oder sie wurden wieder in den Wind geschlagen. Aber verpassen wollten Sie und ihre verwöhnten, fernsehsüchtigen Gören sie ja auch nicht. Konnten ja gar nicht genug kriegen von tapferen Helden und Kämpfern vergangener Zeiten; Siegern und Besiegten, von Jägern und Gejagten.“
Manche von Ihnen schaffen es ja auch heute noch, Sie an die Röhre, an die Glotze, an den alles versprechenden Fernseher zu locken. Ich sage nur: „Polizeiruf“, „Olsenbande“, „Schwester Agnes“, „Gespräche übern Gartenzaun“, „Kiez Geschichten“, „Die goldene Gans“ oder Christel Bodensteins „ Singendes, klingende Bäumchen“; Manfred Krugs „König Drosselbart“, Rolf Herricht mit „Der Mann der nach der Oma kam“ oder mit seinen Blödeleien mit Hans-Joachim Preil. Nicht zu vergessen Helga Hahnemann, die in ihren vielen Sendungen, wie dem „Ein Kessel Buntes“ immer wieder gern gesehen wird. Selbst dann, wenn sie erst mitten in der Nacht oder kurz vor dem 1. Aufstehen gesendet werden.

Ich, das Urvieh
Wussten sie schon, dass man einen etwas seltsamen, ungewöhnlich kauzigen Menschen – der immer und überall, gefragt oder ungefragt seinen Senf (in Form von Hinweisen, Ratschlägen, gut gemeinten Ermahnungen und Belehrungen) zu allem dazu gibt – unbedingt los werden muss?
Ja, so einer war ich; „berühmt und berüchtigt“ im 2. Programm des Fernsehens der DDR, welches mich allabendlich dem Publikum präsentierte. Und das wollte mich – eine lange, gute Zeit – genauso wie ich war: alt und hässlich. Die Stimme – kratzig, knurrig – und mein großes, freches Maul waren bald in aller Munde. Und das trotz vieler, mir gar nicht gut gesinnter Kritiker, die es auch gab.
Ich war wirklich nicht so einfach tot zu kriegen. Ein Urvieh eben. Ja, ich weiß: unser „Sandmännchen“ ist ruhmreicher, langlebiger und (man muss es leider auch zugeben), trotz seines recht hohen Alters immer gleich jung und immer wieder gern gesehen; bis heute unverwüstlich.
Ja, unverwüstlich bin ich auch, aber mein Ruhm ist dahin. Und ich vermisse mein Publikum, seinen Applaus, den Erfolg; so lange schon. Dabei gäb's doch heute noch so viel zu meckern. Tja, Sandmännchen müsste man sein. Dabei singt er doch immer nur das gleiche Lied. Ich aber muss einfach nur das Maul halten. Und das bei meiner großen Lust und Leidenschaft, meine gut gemeinten Ratschläge mit den gesammelten altbekannten Weisheiten – die ich mir zu eigen gemacht habe – einfach hilfreich an Sie weiter zu geben.

Wussten sie schon ...,
dass man einen etwas seltsamen, kauzigen Menschen, der immer und überall, gefragt oder ungefragt zu allem seinen Senf dazu gibt (seinen Senf in Form von guten Ratschlägen, Hinweisen, Empfehlungen, Ermahnungen, Belehrungen und guten Tipps, die eigentlich keiner hören will, die er aber nicht für sich behalten kann), scherzhaft auch als URVIEH bezeichnet? Als Urvieh, dass man gewähren lässt, weil man ihm einfach nichts übel nehmen kann?
Sehen Sie, so einen hatte ich mir zum Vorbild genommen, als meine geistigen Eltern, Inge Trisch als Autorin und der Puppengestalter Gerhard Behrendt, die gemeinsam nicht nur das SANDMÄNNCHEN, sondern auch mich vor langer Zeit zum Fernsehstar erhoben.
Jaaa, ich weiß: UNSER SANDMÄNNCHEN ist rumreicher, ist langlebiger. Ich dagegen bin nur berüchtigter. Mein Ruhm hat sich verflüchtigt. Aber unverwüstlich bin ich. Und ich gebe zu, ich langweile mich entsetzlich. Gräulich, grässlich, fürchterlich. Ich vermisse mein Publikum und seinen Applaus. So gern möchte ich mal wieder von ihnen hören. Oder wieder mal eine meiner Meinungen loswerden. Und wissen sie was? Da haben mir doch mal ein paar nette Leute, die um meinen Kummer wussten, geraten: „Versuch ´s doch einfach mal auf diesem Weg“.
Na und da bin ich.
Nein, ich erwarte nicht, dass Sie meinen alten Ruf wieder aufpolieren. Aber man kann ja nicht wissen. Vielleicht sind ja gerade Sie es, die versuchen, mit mir ins Gespräch zu kommen. Oooch, was würde mich das freuen. Natürlich, ich warne Sie vor meiner vielleicht unsäglichen Leidenschaft, mich zu gerne immer wieder in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Dazu aber kann ich nur sagen, es wäre doch einfach zu schade, meine so ungeheuren Ansammlungen von Altersweisheiten – die zwar nicht allein auf meinem Mist gewachsen sind, die ich mir nun aber mal zu eigen gemacht habe – nicht hilfreich an Sie weitergeben zu können. Ja, natürlich, ich überlasse es ganz und gar Ihnen, ob sie sich wieder mit mir einlassen wollen. Aber eines steht fest: Kann ich mit Ihnen wieder einig werden, ist das für mich wie ein Haupttreffer in der Glückslotterie!

Urviehs – kluge Reden
„Was denn? Sie gehören auch zu denen, die immer wieder glauben: So schlimm wird’s schon nicht werden? Das ist doch ein uralter Irrtum. Glauben Sie mir, alles im Leben kann immer auch noch schlimmer werden.“
„Furchtbar, einfach fürchterlich: Was soll man denn mit einem Menschen anfangen, dem im Grunde genommen alles egal ist?“
„Jaja, auch den soll´s geben: Einen, der vom Leben nahm, wie es kam und sich trotzdem nicht unterkriegen ließ.“
„Ja, wirklich, manchen geht es so gut, dass einem schon schlecht davon wird.“
„Na das will ich wohl meinen: Wer ehrlich ist muss zugeben, dass er nicht immer ehrlich ist.“
„Na das weiß ja nun wohl jeder, ein guter Rat ist manchmal teuer. Doch für einen Schlechten muss oft noch mehr bezahlt werden.“
„Was denn, Sie bleiben wirklich immer am Ball? Wissen Sie, warum die Ohren am Hasen „Löffel“ heißen? Der schöpft damit Verdacht.“
„Jaja, Sie haben Recht. Das Leben kann eine Plage sein. Die Frau ist sauer, die Kinder gehorchen nicht. Die Preise hoch, das Geld ist knapp. Aber mit den Zähnen sollten Sie trotzdem nicht knirschen. Denn der Zahnarzt kann Ihnen auch nur teuer zu stehen kommen.“
„Das sollten Sie sich merken: Besser als durch seine schönen Reden, lernt man den Menschen über seine Ausreden kennen.“
„Jaja, ich weiß auch nicht, manch einer glaubt nur, was er sieht. Und der andere sieht bloß, was er glaubt.“
„ ... lassen sie sich 's gesagt sein: Gut Freund ist der, der zur Tür reinkommt, wenn die anderen gegangen sind.“
„ ... sag ich doch, für manch einen wird der Sack erst interessant, wenn der and´re ihn haben will.“
„ ... na, das wissen sie doch auch: nicht jede alte Liebe wird auch eine liebe Alte.“
„ ... das ist ein guter Rat: Werfen Sie nie die Worte in den Wind, ohne zu wissen, woher er weht.“
„ ... also ich sag mal so: Wer seine Verwandten lieber gehen als kommen sieht, der sollte bedenken, dass auch er immer ein Verwandter ist.“
